Der erste Weltkrieg aus Sicht eines Dorfschullehrers

August 1914
"Ende Juli überzog sich der politische Himmel mit düsteren Wolken und am 2. August war der erste Mobilmachungstag für Deutschland. Ein Krieg brach aus, wie ihn die Weltgeschichte nicht kannte. Deutschland und Österreich-Ungarn stehen im Kampfe gegen Serbien, Russland, England, Frankreich, Japan u.a. Staaten. Möge der Herr der himmlischen Heerscharen unserem Volke und seinen Verbündeten, die nur in Abwehr stehen gegen die Überfälle, die von unseren Feinden schon längst geplant waren, unserer gerechten Sache beistehen."

Juli 1915
"Am 28. Juni war es gerade ein Jahr, dass der österreich-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin, die Herzogin Sophia von Hohenburg zu Sarajevo jenem fluchwürdigen Verbrechen zum Opfer fielen, das zu dem zündenden Funken werden sollte, der die Welt in lodernde Flammen setzte."

April 1916:
"Leider muss erwähnt werden, dass der entsetzliche Krieg fortwütet und noch kein Ende zu ersehen ist. Der Herr helfe zu einem siegreichen Durchhalten Deutschlands."

Dezember 1917:
"Am 07. Dezember schloss Russland mit den Mittelmächten einen Waffenstillstand. Die Friedensverhandlungen sollen in Brest-Litowsk in Russland stattfinden."

1918/1919:
"Standen schon vier Schuljahre im Zeichen des Weltkrieges, so war doch das Jahr 1918, das der letzten Sehnenstraffung und des inneren Zerfalls und der Zerschmetterung unseres deutschen Kaiserreichs, das grausig mürbeste von allen.
Auch die Schule konnt sich dem Einfluss solcher Tage nicht verschließen. Um die Kinder möglichst zur Aushilfe in den landwirtschaftlichen Arbeiten ihrer Eltern zu lassen, wurde nach Bestimmen der Regierung nur an vier Vormittagsstunden unterrichtet; jede Abteilung musste sich mit zwei Stunden täglichem Unterricht begnügen. Der Knappheit des deutschen Rohstoffvorrats sollte durch eifriges, planvolles Sammeln gesteuert werden: Metalle aller Art, Lappen und Papier wanderten zu diesem Zweck in die Schule. Besonders rege ward aber das Sammeln und Dörren des Laubes gepflegt. Je drei Wochentage des Sommerhalbjahres sollten dazu verwandt werden. So wurde die Unterrichtszeit, schon um die Hälfte verkürzt durch die Beschneidung der Tagesstunden, reduziert auf ein Viertel normaler Dauer. Der Erfolg dieser Sammeltätigkeit, an der sich die Kleinsten natürlich nicht beteiligen konnten, waren 35 Ztr. Dürrheu."

"...Tage des äußeren und inneren Zusammenbruchs, für jedes deutsche Herz, Tage des Irrwerdens, für viele Tage der Verleugnung! Hellauf loderte die Flamme der Revolution und einem Deutschland diktierten, vernichtenden Waffenstillstand gemäß flutete das brave graue Heer nach Osten den Ufern des neutral gebliebenen Rheines zu. Einquartierungen und durchziehende Truppen, Pferdegetrappel und Rädergeknarr und Kanonengerassel mahnten das Ohr die Wochen des Rückzugs ständig an den krassen Wandel der Begriffe. In diesen Tagen der Hast und Bange fiel der Unterricht aus am 23.11. und von 28.11. bis 1.12. wegen militärischer Angelegenheiten des Lehrers. Alle bangende Furcht, mit der der fremden Besatzung entgegengesehen wurde, erwies sich als unbegründet: gerecht und ritterlich hat sie die Ordnung bewahrt, die ohne fremdländische Hilfe jämmerlich geschändet worden wäre, was die Wirrnisse des unbesetzten Deutschlands beweisen.
Mit dem Wiederaufbau einer Staatenordnung wurde bald begonnen: Die Schulräume sahen am 19.1. und 9.3., was sie noch nie gesehen: Männer und Frauen traten an die Wahlurne, um mittätig zu sein an der Wiedergeburt eines neuen freien Deutschlands, indem sie ihre Stimme abgaben für die Männer, die sie gerne in der verfassungsgebenden Nationalversammlung und im oldenburgischen Landtag gesehen hätten. Noch leben wir mitten drin in den bangen Stunden der Geburt des neuen Deutschlands, noch ringen Radikalismus und Vernunft um das Zepter.
Alle sozialen Hoffnungen werden auf die Zukunft gesetzt: Einheitsschule, Aufstieg der Begabten, Befreiung der Schule von klerikaler Bevormundung sind Schlagwörter der Gegenwart, die unsere Schule angehen. Ob wohl alle Blütenträume reifen?
Noch sind auch die Ordner der Völkergeschichte die "Weltverbesserer" und "Menschenbeglücker" am Werke; Freiheit und ewigen Frieden soll ein Völkerbund der durch Mars gegeißelten Welt bringen. - Möge die Zukunft das arme deutsche Volk auch mit heiteren Losen bedenken, nachdem es von einer trüben Gegenwart mit schwarzen überschüttet wurde!"

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